Mangelernährung und Schulden – allgegenwärtig und doch zu oft übersehen

1,65 Millionen Menschen nutzen bundesweit die Angebote der Tafeln. Jochen Brühl, seit 2013 Vorsitzender von Tafel Deutschland e.V., beschreibt das Aufgabenprofil der rund 950 gemeinnützigen Tafeln mit ihren rund 2.000 Ausgabestellen für bedürftige Menschen. Brühl zeigt auf, inwieweit in den Tafeln Armut, Altersarmut und Altersüberschuldung miteinander korrelieren. Vor dem Hintergrund des seit Jahren stabilen Trends zur Altersüberschuldung und der zu erwartenden Verschärfung sozialer Problemlagen durch Corona lenkt sein Beitrag den Blick auf zwei besonders stark zunehmende Nachfragegruppen der Tafeln: Senioren sowie Familien mit Kindern und Jugendlichen. Seine Conclusio lautet: „Menschen unterstützen, gerade jetzt!

Den vollständigen Gastbeitrag finden Sie im SchuldnerAtlas 2020, Kapitel 4:
SchuldnerAtlas 2020 (PDF, 3 MB)

Angebot und Nachfrage

Es gibt fast 950 Tafeln in Deutschland mit rund 2.000 Ausgabestellen. Sie sind in Landesverbänden organisiert und werden gemeinsam vom Dachverband Tafel Deutschland e.V. unterstützt und vertreten. Tafeln retten Lebensmittel, die noch genießbar aber nicht mehr verkäuflich sind und verteilen diese an armutsbetroffene Menschen. Etwa drei Viertel der Tafeln organisieren darüber hinaus Angebote, die gesunde Ernährung und Lebensmittelwertschätzung, Begegnung und Dialog fördern oder gezielt Kinder und Jugendliche unterstützen.

Tafeln gibt es in allen Teilen Deutschlands, sowohl in Städten wie auch im ländlichen Raum. Grundsätzlich gibt es dort Tafeln, wo genügend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer und ausreichend Lebensmittelspenden eine Umverteilung an armutsbetroffene Menschen ermöglichen.

Laut der letzten Erhebung aus dem Jahr 2019 nutzen bundesweit 1,65 Millionen Menschen die Angebote der Tafeln. Davon sind im Durchschnitt 44 Prozent Erwachsene im erwerbstätigen Alter, 30 Prozent sind Kinder und Jugendliche und 26 Prozent sind Senioren. Besonders die Zahl der Senioren sowie der Kinder und Jugendlichen ist innerhalb nur eines Jahres alarmierend gestiegen, um 20 Prozent beziehungsweise 10 Prozent.

Im vergangenen Jahr kamen Menschen aus verschiedenen Bedürftigkeitsgruppen zu Tafeln. Die größte Gruppe bildeten mit 47 Prozent Langzeitarbeitslose, gefolgt von 26 Prozent, die auf Grund von Rente oder Grundsicherung im Alter zu Tafeln kamen und 20 Prozent, deren Hilfsanspruch auf dem Asylbewerberleistungsgesetz basiert.

Zwei bedenkliche Trends

Wie wohl auch im Falle von Überschuldung, kann es bei Menschen unerwartet dazu kommen, dass sie zu Tafeln gehen. Vielleicht ist es die plötzliche Arbeitslosigkeit nach vielen Jahren in einem Beruf oder vielleicht ist nicht genug von der Rente übrig, nachdem die Miete gezahlt ist. Obwohl es jeden treffen kann und die Tafeln aus Prinzip für alle offen sind, gibt es zwei bedenkliche Trends, die sich in den letzten Jahren abgezeichnet haben.

  • Zunahme der Zahl der Senioren, die auf die Unterstützung durch die Tafeln angewiesen sind

Von 2018 auf 2019 ist diese Zahl um 20 Prozent gestiegen. Studien prognostizieren, dass, sollte es nicht zu einem radikalen politischen Kurswechsel kommen, bereits in 15 Jahren jede fünfte Rentnerin oder jeder fünfte Rentner von Altersarmut bedroht sein wird.

  • Immer mehr Familien mit Kindern und Jugendlichen benötigen die Hilfe der Tafeln

Zwei Faktoren stellen ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko für Familien dar: alleinerziehend zu sein oder viele Kinder zu haben. Der hohe Anteil an Kindern und Jugendlichen bei den Tafeln ist auch deshalb beunruhigend, weil es wissenschaftlich belegt ist, dass die Gesundheit, die Bildungschancen und das zukünftige Einkommen von Kindern stark von den Eltern abhängen. Wenn der sozioökonomische Aufstieg so unwahrscheinlich ist, steht zu befürchten, dass die 500.000 Kinder aus Familien, die heute zu Tafeln kommen, ihr Leben lang Tafel Kundinnen und Kunden bleiben werden.

Corona verdichtet soziale Problemlagen

Im Frühjahr 2020 hatten beinahe die Hälfte der Tafeln in Deutschland Corona-bedingt geschlossen. Ende des Sommers konnten fast alle Tafeln wieder öffnen, wenn auch viele von ihnen immer noch im Notbetrieb laufen. Soweit möglich werden Lebensmittel im Freien verteilt oder in Tüten und Kisten gepackt, um so das Ansteckungsrisiko zu verringern. Die anfänglichen Schließungen und die weiterhin geltenden Vorsichtsmaßnahmen sind nötig, weil knapp 60 Prozent der Ehrenamtlichen zur Risikogruppe gehören.

Auch über die akute Lage hinaus stellt die Corona-Pandemie eine große Herausforderung dar: Kundinnen und Kunden kommen trotz unveränderter oder verschlechterter Einkommensverhältnisse nicht mehr zu Tafeln, weil sie zur Risikogruppe gehören. Zusätzlich gibt es bereits viele neue Kundinnen und Kunden, die auf Grund von Kurzarbeit Unterstützung brauchen oder in Branchen wie Kultur und Gastronomie momentan kein Einkommen haben. Es ist wahrscheinlich, dass zumindest ein Teil dieser Neukundinnen und -kunden in Arbeitslosigkeit, Insolvenz oder Überschuldung abrutschen wird. Die Einschnitte von Kurzarbeit oder Jobverlust werden sich auf die Rentenbezüge auswirken. Und es bleibt die Befürchtung, dass Kinder aus armutsbetroffenen Familien weiter abgehängt werden.

Ihre Ansprechpartnerin

Verena Krimpmann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Tel. +49 2131 109-4305

E-Mail schreiben 

Verbraucherumfragen

Verbraucherumfragen

Regelmäßig befragt Boniversum mit starken Partnern Verbraucher zu ihren Kaufgewohnheiten im Online- und Versandhandel und weiteren aktuellen Trendthemen. Die Ergebnisse der einzelnen Befragungen bieten wir Ihnen gratis zum Herunterladen an.

Berichte zu den Umfrageergebnisse lesen