SchuldnerAtlas
Deutschland

Der SchuldnerAtlas Deutschland untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt und entwickelt. Er erscheint jährlich und hat sich als regionales und kommunales Arbeitsinstrument etabliert.

SchuldnerAtlas Deutschland 2020

Überschuldung nimmt nimmt weiter ab

Überschuldete Personen in Deutschland 2020: 6,85 Millionen (- 69.000)
Überschuldungsquote 2020: 9,87 Prozent (- 0,13 Prozentpunkte)

Die Zahl überschuldeter Verbraucher nimmt auch in diesem Jahr weiter ab. Aktuell sind rund 6,85 Millionen Verbraucher überschuldet. Die Überschuldungsquote sinkt unter 10 Prozent. Die Überschuldungsfälle mit juristisch relevanten Sachverhalten („harte“ Überschuldung) reduzieren sich erneut deutlich um rund 188.000 Fälle (- 4,7 Prozent). Die Fälle mit geringer Überschuldungsintensität („weiche Überschuldung“) steigen jedoch weiterhin an (119.000 Fälle, + 4,1 Prozent) und korrespondieren trotz Corona mit den Folgen einer zunehmenden Konsumverschuldung, die sich durch fast alle Altersgruppen zieht.

Die Corona-Krise wirft ihre Schatten voraus.

Einkommenseinbußen, gestundete Kreditverträge und Angst vor Zahlungsschwierigkeiten machen den Verbrauchern aktuell zu schaffen und beeinflussen deren wirtschaftliche Lage. Das zeigen die Ergebnisse von drei repräsentativen Verbraucher-Umfragen, die im Mai, August und Oktober von uns durchgeführt wurden. Indikatoren wie der Anstieg weicher Negativmerkmale, die Zunahme der Unternehmensinsolvenzen mit den damit verbundenen Folgen für Privatpersonen und die Befürchtungen gemeinnütziger Organisationen zeichnen einen Anstieg der Überschuldungsfälle in 2021 ab. „Die oberen sozialen Schichten („Gutverdiener“) können Einkommensausfälle kompensieren – sie sparen vermehrt und üben zugleich Ausgabenvorsicht sowie Konsumzurückhaltung. Die unteren sozialen Schichten haben keine oder nur sehr geringe finanzielle Reserven und eine „negative Sparquote“ – sie ver- und überschulden sich“, so Boniversum Geschäftsführer Stephan Vila.

Auch wenn sich die Lage im SchuldnerAtlas 2020 noch anders darstellt, steht die Überschuldungsampel weiterhin auf „rot“.

Gute Zahlen – schlechte Aussichten?

Gerade in der aktuellen Corona-Krise könnte ein dramatischer Anstieg der Überschuldungsfälle erwartet werden. Doch spiegeln sich die Auswirkungen der Corona-Krise schon jetzt im SchuldnerAtlas wider? Dem ist nicht so. Bis es zu Überschuldung kommt, können einige Monate vergehen. Dazu ist es zunächst wichtig, sich vor Augen zu führen, wie Negativmerkmale und Überschuldung entstehen und welcher zeitliche Horizont damit verbunden ist

Top 3 Bundesländer

Hohe Schuldnerquote

Bremen: 13,97 % (- 0,05)
Sachsen-Anhalt: 12,62 % (- 0,09)
Berlin: 12,02 % (- 0,28)

Niedrige Schuldnerquote

Bayern: 7,14 % (- 0,17)
Baden-Württemberg: 8,11 % (- 0,12)
Thüringen: 9,14 % (- 0,08)

Top 3 Landeshauptstädte

Niedrige Schuldnerquote

Mainz: 8,05 % (+ 0,02)
Potsdam: 8,47 % (- 0,19)
München: 8,73 % (- 0,23)

Hohe Schuldnerquote

Magdeburg: 14,08 % (- 0,24)
Wiesbaden: 16,81 % (- 0,28)
Saarbrücken: 17,00 % (+ 0,21)

Kernaussagen

  • 6,85 Millionen Bürger überschuldet
  • Bundesweite Überschuldungsquote von 9,87 Prozent
  • „Harte“ Überschuldung nimmt ab, „weiche“ Überschuldung zu
  • Altersüberschuldung steigt, „junge“ Überschuldung nimmt ab
  • Corona-Pandemie bewirkt zunehmende Polarisierung bei Einkommen und Vermögen

Überschuldungsspirale dreht sich in Westdeutschland schneller

Die Überschuldungsquote ist in den neuen Bundesländern (10,20 Prozent, – 0,13 Punkte, ohne Berlin) zum neunten Mal in Folge höher als in Westdeutschland (9,82 Prozent; – 0,12 Punkte). Insgesamt sind in den westlichen Bundesländern rund 5,77 Millionen Personen überschuldet, im Osten Deutschlands sind es rund 1,08 Millionen.

Die „Überschuldungsspirale“ dreht sich im Westen weiterhin schneller als im Osten: Auch in diesem Jahr nehmen die Fälle mit hoher Überschuldungsintensität im Osten stärker ab (- 5,0 Prozent) als im Westen Deutschlands (- 4,6 Prozent). Die Zahl der Überschuldungsfälle hat sich im Langzeitvergleich 2006/2020 im Westen „nur“ um rund 133.000 Überschuldungsfälle (- 2,2 Prozent), im Osten dagegen deutlich stärker um 202.000 Überschuldungsfälle (- 15,7 Prozent) verringert.

Positiver Ländertrend

Die Analyse der Überschuldungsentwicklung nach Bundesländern zeigt 2020 einen fast durchgehend positiven Trend. Kein Bundesland weist einen Anstieg der Überschuldungsfälle auf. 13 Bundesländer zeigen zurückgehende Überschuldungszahlen und 15 Bundesländer einen Rückgang der Überschuldungsquote. Nur das Saarland weist eine höhere Überschuldungsquote als im Vorjahr (11,60 Prozent; + 0,10 Punkte) auf.

Bayern (7,14 Prozent; – 0,17 Punkte) und Baden-Württemberg (8,11 Prozent; – 0,12 Punkte) verbleiben mit Abstand vor Thüringen (9,14 Prozent; – 0,08 Punkte) – alle drei mit einer erneut verbesserten Überschuldungsquote. Die Schlusslichter sind wie in den Vorjahren Bremen (13,97 Prozent; – 0,05 Punkte), Sachsen-Anhalt (12,62 Prozent; – 0,09 Punkte) und Berlin (12,02 Prozent; – 0,28 Punkte) – alle drei ebenfalls mit einer verbesserten Überschuldungsquote.

Überschuldung nimmt bei Frauen und Männern ab

Die Überschuldung von Frauen und Männern in Deutschland nimmt 2020 ab. Aktuell gelten rund 7,58 Prozent der Frauen über 18 Jahre als überschuldet und zumindest nachhaltig zahlungsgestört (- 0,07 Punkte). Bei Männern sind es 12,27 Prozent (- 0,19 Punkte). Die Zahl der Überschuldungsfälle ist bei beiden Geschlechtern rückläufig. (Frauen: 2,69 Millionen; – 17.000 Fälle / Männer: 4,17 Millionen; – 52.000 Fälle).

Altersüberschuldung steigt, „junge“ Überschuldung nimmt ab

„Altersüberschuldung“ gewinnt weiter an Bedeutung. 2020 müssen rund 470.000 Menschen in Deutschland ab 70 Jahren als überschuldet eingestuft werden (+ 89.000 Fälle; + 23 Prozent). Die entsprechende Überschuldungsquote (3,61 Prozent; + 0,67 Punkte) bleibt dennoch weiterhin unter den Vergleichswerten der anderen Altersgruppen. Im Gegensatz dazu ist die Überschuldungszahl und -quote in der jüngsten Altersgruppe in diesem Jahr wieder deutlich zurückgegangen. Die Überschuldungsquote sinkt bei den unter 30-Jährigen erstmals seit 2004 unter die 10-Prozent-Marke und beträgt aktuell 9,63 Prozent (- 2,50 Punkte). Die höchste Überschuldungsquote findet sich mit 17,31 (- 0,40 Prozentpunkte) Prozent bei der Altersgruppe der 30- bis 39-jährigen.

Umfrage zur Entwicklung der wirtschaftlichen Lage von Verbrauchern

Einkommenseinbußen und Auslöser

Die Corona-Pandemie hat weiterhin deutlich negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Lage vieler Verbraucher in Deutschland, wie unsere Umfrageergebnisse zeigen. Mitte Oktober 2020 sind noch mehr als ein Drittel der Haushalte (35 Prozent; – 2 Punkte zum August) von Einkommenseinbußen betroffen, die auf Grund der Corona-Pandemie entstanden sind. Das sind überschlägig hochgerechnet rund 14,7 Millionen Haushalte (- 0,8 Millionen zum August). Dabei sind „Geringverdiener“ weiterhin stärker betroffen als „Normalverdiener“ und „Gutverdiener“. Der Anteil der Personen und Haushalte mit hohen Belastungen (mehr als 50 Prozent) ist zwischen Mai und Oktober von 9 auf 12 Prozent angestiegen (+ 3 Punkte).

Die Hauptauslöser für den Rückgang des Einkommens sind weiterhin Kurzarbeit, der Verlust oder die Aussetzung des Nebenjobs oder, dass die selbstständige Tätigkeit nicht oder nur begrenzt ausgeübt werden kann. Allerdings hat der Anteil derjenigen, die angeben, den Arbeitsplatz verloren zu haben, seit Mai 2020 von sieben auf 17 Prozent (+ 10 Punkte) zugenommen.

Konsum und Sparen

Der „Druck“, auf Grund der Corona-Krise weniger Geld ausgeben zu können oder zu wollen, ist seit Mai 2020 leicht zurückgegangen. Trotzdem  gibt Mitte Oktober eine Mehrheit der Verbraucher an (56 Prozent; – 1 Punkt zum Mai 2020), krisenbedingt weniger Geld auszugeben, also die Ausgaben für Konsum und Lebenshaltung im Haushalt zu reduzieren.

Erstaunlich und zugleich erfreulich ist dabei, dass die allermeisten Verbraucher – trotz Corona und den negativen Folgewirkungen – ihre eigene wirtschaftliche Lage derzeit (61 Prozent; + 1 Punkt zum August) und auch für die nächsten Monate (59 Prozent; – 1 Punkt) sehr positiv einschätzen.

Dazu passend geht fast durchgehend eine Dreiviertelmehrheit der Befragten davon aus, „in den nächsten Monaten alle regelmäßigen Verbindlichkeiten unseres Haushaltes bezahlen zu können“ (75 Prozent; + 2 Punkte). Jedoch befürchtet weiterhin mehr als jeder vierte Befragte (25 Prozent; – 2 Punkte zum Mai), in den nächsten zwölf Monaten als Folge der Corona-Pandemie das nicht tun zu können.

Zudem zeigt sich, dass angesichts der Corona-Pandemie mehr Verbraucher als in der Vergangenheit begonnen haben, regelmäßig zu sparen. Der Anteil der regelmäßigen Sparer ist auf den zweithöchsten Stand seit Beginn der Umfragen im Oktober 2010 gestiegen (38 Prozent; im Vergleich zum Oktober 2016: + 4 Punkte).

Mehr zur Verbraucherumfrage erfahren Sie im SchuldnerAtlas Deutschland 2020, Kapitel 2.

Factsheet Verbraucherumfrage (PDF, 137 KB)

Gastbeitrag der Tafel Deutschland e.V.

Soziale Sicherungssysteme reichen leider nicht immer aus. Umso wichtiger ist die Arbeit gemeinnütziger Organisationen, die Bedürftige unterstützen. Die Arbeit der Tafel Deutschland geht dabei weit über das Verteilen von Lebensmitteln hinaus. Die Tafeln bieten Begegnungsmöglichkeiten, fördern den Dialog der Menschen und unterstützen mit sozialen Angeboten. Jochen Brühl zeigt auf, welche bedenklichen Trends sich abzeichnen und welche begleitenden Auswirkungen Armut haben kann.

Zum Gastbeitrag „Mangelernährung und Schulden“

Interaktiver SchuldnerAtlas 2020

Erfahren Sie die aktuellen Zahlen für Ihren Kreis oder Ihr Postleitzahlengebiet in der interaktiven Karte zum SchuldnerAtlas 2020.

Zur interaktiven Karte

Überschuldung in Deutschland

Der SchuldnerAtlas Deutschland untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt und entwickelt und hat sich als regionales und kommunales Arbeitsinstrument etabliert.

Als überschuldet gelten Personen, die ihren Zahlungsverpflichtungen mit großer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht nachkommen können, da die zu leistenden Gesamtausgaben höher sind als die zu erwartenden Einnahmen. Mit Hilfe der Schuldnerquoten, das heißt dem Anteil der Personen mit Negativmerkmalen im Verhältnis zu allen Personen ab 18 Jahren, kann die Überschuldung in ihrer geographischen Verteilung bis hin auf die Ebene von Straßenabschnitten dargestellt werden.

Der SchuldnerAtlas Deutschland erscheint jeden Herbst und wird vom Verband der Vereine Creditreform e. V., von microm Micromarketing-Systeme und Consult GmbH und von Creditreform Boniversum veröffentlicht. Die Redaktion liegt bei Dr. Rainer Bovelet, Aachen.

Ihre Ansprechpartnerin

Verena Krimpmann

Verena Krimpmann
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Tel. +49 2131 109-4305

E-Mail schreiben 

Verbraucherumfragen

Verbraucherumfragen

Regelmäßig führt Boniversum Verbraucherumfragen rund um aktuelle Trendthemen durch. Erfahren Sie, wer wann welche Waren gerne im Internet bestellt und viele weitere interessante Infos über Verbrauchergewohnheiten und -vorlieben Die Ergebnisse der einzelnen Befragungen bieten wir Ihnen gratis zum Herunterladen an.

Berichte zu den Umfrageergebnisse lesen