SchuldnerAtlas
Deutschland

Der SchuldnerAtlas Deutschland untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt und entwickelt. Er erscheint jährlich und hat sich als regionales und kommunales Arbeitsinstrument etabliert.

SchuldnerAtlas Deutschland 2021

SchuldnerAtlas 2021

Überschuldung nimmt Corona-bedingt deutlich ab

Überschuldete Personen in Deutschland 2021: 6,16 Millionen (- 695.000)
Überschuldungsquote 2021: 8,86 Prozent (- 1,01 Prozentpunkte)

Die Zahl überschuldeter Verbraucher nimmt weiter ab: rund 6,16 Millionen Verbraucher sind aktuell überschuldet. Auch die Überschuldungsquote ist weiter abgesunken auf 8,86 Prozent und liegt damit erstmals unter 9 Prozent. Die Überschuldungsfälle mit juristisch relevanten Sachverhalten („harte“ Überschuldung) reduzieren sich erneut deutlich um rund 225.000 Fälle (- 5,9 Prozent). Die Fälle mit geringer Überschuldungsintensität („weiche“ Überschuldung) sind – anders als im Vorjahr – drastisch gesunken um rund 470.000 Fälle (- 15,5 Prozent).

Trotz Positivtrend: „finanzieller Stress“ nimmt zu

Die Verbraucher haben Corona-bedingt weiterhin mit Einkommenseinbußen zu kämpfen und leiden unter „finanziellem Stress“: Sie befürchten, dass die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel nicht ausreichen, um das alltägliche Leben auch künftig wie gewohnt gestalten zu können. Das zeigen die Ergebnisse von fünf repräsentativen Verbraucherumfragen, die im Zeitraum von Mai 2020 bis Oktober 2021 von Boniversum gemeinsam mit der Creditreform Wirtschaftsforschung durchgeführt wurden. In 2021 zeigt sich auf fast allen Ebenen ein Rückgang der Überschuldungsfälle und -quoten. Die Ergebnisse der aktuellen Verbraucherumfrage zeigen aber, dass immer noch 32 Prozent, also rund 13,5 Millionen Haushalte, von Einkommenseinbußen betroffen sind. Der „finanzielle Stress“, also die Sorge, dass ihnen die Verbindlichkeiten über den Kopf wachsen könnten, ist auf dem höchsten Stand seit Mai 2020.

Die Überschuldungsampel springt durch die Corona-Auswirkungen auf „hellgrün“. Die Negativwirkungen werden zeitverzögert kommen.

Gute Zahlen – schlechte Aussichten?

Gerade in der aktuellen Corona-Krise könnte ein dramatischer Anstieg der Überschuldungsfälle erwartet werden. Doch spiegeln sich die Auswirkungen der Corona-Krise schon jetzt im SchuldnerAtlas wider? Dem ist nicht so. Bis es zu Überschuldung kommt, können einige Monate vergehen. Dazu ist es zunächst wichtig, sich vor Augen zu führen, wie Negativmerkmale und Überschuldung entstehen und welcher zeitliche Horizont damit verbunden ist

SchuldnerAtlas 2021 - Überblick

Kernaussagen:

  • 6,16 Millionen Personen überschuldet
  • Bundesweite Überschuldungsquote von 8,86 Prozent
  • „harte“ und „weiche“ Überschuldung nimmt ab
  • die Zahl überschuldeter Verbraucher ist in allen 401 Landkreisen zurückgegangen 
  • Überschuldungsfälle und -quoten sinken bei Männern und Frauen
  • die 60- bis 69-Jährigen zeigen als einzige Altersgruppe einen Anstieg von Überschuldungsfällen und -quote

Top 3 Bundesländer

Hohe Schuldnerquote

Bremen: 12,81 % (- 1,16)
Sachsen-Anhalt: 11,56 % (- 1,06)
Berlin: 10,81 % (- 1,21)

Niedrige Schuldnerquote

Bayern: 6,43 % (- 0,71)
Baden-Württemberg: 7,28 % (- 0,83)
Thüringen: 8,32 % (- 0,82)

Top 3 Landeshauptstädte

Hohe Schuldnerquote

Saarbrücken: 15,15 % (- 1,85)
Wiesbaden: 14,70 % (- 2,11)
Magdeburg: 12,92 % (- 1,16)

Niedrige Schuldnerquote

Mainz: 7,20 % (- 0,84)
Potsdam: 7,43 % (- 1,03)
München: 7,88 % (- 0,84)

Positivtrend in allen Bundesländern

Alle Bundesländer weisen in 2021 einen meist deutlichen Rückgang der Überschuldungsfälle und -quote auf. Bei 11 der 16 Bundesländer ist die Abnahme der Überschuldung überdurchschnittlich hoch. Den höchsten Rückgang verzeichnet die Hansestadt Hamburg (9,10 Prozent; – 1,43 Prozentpunkte).

Bayern bleibt das Bundesland mit der niedrigsten Überschuldungsquote (6,43 Prozent), zeigt aber gleichzeitig die geringste Verbesserung (- 0,71 Prozentpunkte). Wie in den Vorjahren sind Bremen, Sachsen-Anhalt und Berlin die Bundesländer mit der höchsten Überschuldungsquote.

SchuldnerAtlas 2021 - Überschuldungsquote Altersgruppen
SchuldnerAtlas 2021 - Überschuldungsverteilung Geschlechter

Jüngere Menschen befreien sich eher aus der Überschuldung

Der positive Trend zeigt sich auch in fast allen Altersgruppen. Vor allem jüngere überschuldete Verbraucher bis 30 Jahre konnten der Überschuldung entkommen. Ihre Überschuldungsquote sinkt auf 6,98 Prozent (- 2,65 Prozentpunkte; – 317.000 Fälle). Auch die Überschuldungsquote der 30- bis 39-Jährigen weist einen starken Rückgang auf (- 2,18 Prozentpunkte; – 210.000 Fälle). Dennoch ist die wirtschaftsaktive Gruppe nach wie vor die mit der höchsten Überschuldungsquote (15,13 Prozent). Die geringe Überschuldungsdauer und niedrige Überschuldungsintensität (u. a. Schuldenhöhe, Anzahl Gläubiger) wirken sich positiv aus.

Älteren Menschen fällt es sichtlich schwerer, der Überschuldung zu entkommen – die Überschuldungsentwicklung bleibt besorgniserregend. Die Gruppe der 60- bis 69-Jährigen zeigt 2021 als einzige Gruppe einen Anstieg von Überschuldungsfällen und -quote (7,32 Prozent; + 0,28 Prozentpunkte). Bei der Gruppe ab 70 Jahre nimmt die Überschuldungsquote nur wenig ab (3,17 Prozent; – 0,44 Prozentpunkte).

Positiver Trend bei Männern und Frauen

Die meisten Schuldner sind nach wie vor Männer, aber beide Geschlechter weisen deutliche Rückgänge von Überschuldungsfällen und -quote auf. In 2021 weist die Statistik 292.000 weniger Überschuldungsfälle bei Frauen auf und bei Männern 403.000 Fälle weniger. Bei beiden Geschlechtern sinkt sowohl der Anteil der „weichen“ Überschuldungsfälle als auch der der „harten“ Überschuldungsfälle. Die Überschuldungsquote der Frauen liegt bei 6,75 Prozent (- 0,83 Prozentpunkte) und hat weniger stark abgenommen als die von Männern (11,07 Prozent; – 1,20 Prozentpunkte).

Hauptauslöser für Überschuldungsprozesse

Die Analyse des Statistischen Bundesamtes zu den Hauptauslösern für Überschuldungsprozesse ergibt, dass Arbeitslosigkeit nach wie vor der häufigste Auslöser ist. Hier gibt es aber ebenfalls Unterschiede bei den Altersgruppen. Der Anteil jüngerer Schuldner (bis 35 Jahre), die durch Arbeitslosigkeit in die Überschuldung geraten sind, ist insgesamt zurückgegangen (2008: 29 Prozent; 2021: 19 Prozent), während sich bei älteren überschuldeten Personen eine Zunahme beim Auslöser Arbeitslosigkeit zeigt (2008: 5 Prozent; 2021: 9 Prozent).

Die „big six“ sind hochgerechnet in 2021 bei 81 Prozent der Überschuldungsfälle der Hauptauslöser.

SchuldnerAtlas 2021 - Hauptüberschuldungsauslöser

Umfrage zur Entwicklung der wirtschaftlichen Lage von Verbrauchern

Die Ergebnisse der aktuellen Verbraucherumfrage zeigen, dass die Überschuldungsgefahr für viele Verbraucher in Deutschland nach wie vor hoch ist. In Folge der Corona-Pandemie klagen weiterhin viele Verbraucher über Verluste beim Haushaltsnettoeinkommen (32 Prozent; – 7 Prozentpunkte zu April 2021). Der Wert ist zwar rückläufig, aber nach wie vor auf hohem Niveau. Die meist genannten Gründe für den Rückgang des Einkommens sind Kurzarbeit, die Nichtausübung von Nebenjobs oder selbstständiger Tätigkeiten sowie der Verlust des Arbeitsplatzes.

Geringverdiener und Normalverdiener sind mit 35 bzw. 38 Prozent nach wie vor stärker von Einkommenseinbußen betroffen, als Gutverdiener (24 Prozent).

Umfrage - Gründe für Einkommenseinbußen

Unterschiedliche Folgen für Verbraucher

Die Folgen für die Verbraucher nach Monaten Corona-bedingter Einschränkungen sind unterschiedlich. Einerseits sinkt der Anteil derjenigen Verbraucher, die krisenbedingt weniger Geld ausgeben wollen oder müssen, um die Ausgaben für Konsum und Lebenshaltung im Haushalt zu reduzieren (51 Prozent; – 5 Prozentpunkte zu Oktober 2020). Andererseits fürchtet jeder dritte Verbraucher (33 Prozent) in den nächsten zwölf Monaten als Folge der Corona-Pandemie, regelmäßige oder außergewöhnliche Verbindlichkeiten des Haushaltes nicht bezahlen zu können (+ 8 Prozentpunkte zu Oktober 2020).

Die Bewertung der Verbraucher zu ihrer wirtschaftlichen Lage bleibt aber auf hohem Niveau (Anteil „sehr guter und guter“ Bewertungen: 34 Prozent). Gutverdiener (56 Prozent; + 1 Prozentpunkt zu Oktober 2020) bewerten die eigene wirtschaftliche Lage trotz Corona, aktuell und auch für die nächsten Monate, nochmals drastisch positiver als Gering- (13 Prozent; – 6 Prozentpunkte) und Normalverdiener (27 Prozent; – 4 Prozentpunkte).

Konsumverhalten und Inflation

Viele Verbraucher haben Nachholbedarf in Sachen Konsum. So geben 36 Prozent der Verbraucher an, in den nächsten Monaten mit Hilfe von Krediten Anschaffungen für den eigenen Haushalt tätigen zu wollen.  Gleichzeitig sinkt die Sparneigung bei Normalverdienern (34 Prozent; – 2 Prozentpunkte zu April 2021) und Geringverdienern (20 Prozent; – 4 Prozentpunkte). Diese Faktoren können darauf hindeuten, dass das Überschuldungsrisiko für viele, meist einkommensschwache, Verbraucher weiterhin hoch ist.

Der Anstieg der Inflation könnte ebenfalls dazu beitragen, das Risiko zu erhöhen. Die Verbraucher stellen fest, dass ihre Lebenshaltungskosten in den letzten Monaten gestiegen sind und ihre finanziellen Spielräume einengen. Drei von vier befragten Personen (76 Prozent) berichteten beispielsweise von steigenden Mobilitätskosten für den ÖPNV sowie für Kraftstoffe (geschätzter Anstieg: + 21 Prozent), von höheren Energiekosten für Strom und Gas (+ 18 Prozent) oder für Güter des täglichen Bedarfs wie Lebens- und Nahrungsmittel (+ 16 Prozent). Im Schnitt sind demnach die Lebenshaltungskosten um rund 15 Prozent gestiegen. Die Wahrnehmung der Verbraucher („gefühlte Inflation“) korrespondiert merklich mit den Messungen des Statistischen Bundesamtes, die im September 2021 mit einem Plus von 4,1 Prozent die höchste Inflationsrate seit Dezember 1993 auswiesen.

Mehr zur Verbraucherumfrage erfahren Sie im SchuldnerAtlas Deutschland 2021, Kapitel 2.

Factsheet zur Verbraucherumfrage (PDF, 169 KB)

Neu: microm ÜberschuldungsTypologie

Die microm ÜberschuldungsTypologie wurde entwickelt, um die unterschiedlichen Ausprägungen, Formen und Betroffenheitsgrade von Überschuldung zu analysieren und systematisieren. Insgesamt wurden bisher acht Typen entwickelt, die überschuldete Verbraucher nach Überschuldungsintensität und Ursachendimension zusammenfassen.

Die acht Typen wiederum lassen sich durch Intensität und den zeitlichen Charakter der Überschuldung grob in drei Gruppen einteilen:

Die größte Gruppe bilden die „nachhaltig Überschuldeten“. Sie sind in der Regel dauerhaft oder über einen längeren Zeitraum überschuldet. Gründe sind im Wesentlichen objektive Notlagen (wie Arbeitslosigkeit oder Krankheit), dauerhaftes Niedrigeinkommen sowie soziale und Bildungsimmobilität.

Bei den „temporär Überschuldeten“ ist die ökonomische Grundlage deutlich besser. Sie geraten meist nur zeitlich begrenzt, aber immer wiederkehrend, in die Überschuldung.

Bei den „periodisch Überschuldeten“ treten Zahlungsprobleme nicht in der Tiefe und Intensität wie bei den anderen auf. Wenn sie in die Überschuldung geraten, sind sie bestrebt, dieser so schnell wie möglich wieder zu entkommen.

Mehr zu microm ÜberschuldungsTypologie erfahren

Überschuldung in Deutschland

Der SchuldnerAtlas Deutschland untersucht, wie sich die Überschuldung von Verbrauchern innerhalb Deutschlands kleinräumig verteilt und entwickelt und hat sich als regionales und kommunales Arbeitsinstrument etabliert.

Als überschuldet gelten Personen, die ihren Zahlungsverpflichtungen mit großer Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht nachkommen können, da die zu leistenden Gesamtausgaben höher sind als die zu erwartenden Einnahmen. Mit Hilfe der Schuldnerquoten, das heißt dem Anteil der Personen mit Negativmerkmalen im Verhältnis zu allen Personen ab 18 Jahren, kann die Überschuldung in ihrer geographischen Verteilung bis hin auf die Ebene von Straßenabschnitten dargestellt werden.

Der SchuldnerAtlas Deutschland erscheint jeden Herbst und wird vom Verband der Vereine Creditreform e. V., von microm Micromarketing-Systeme und Consult GmbH und von Creditreform Boniversum veröffentlicht. Die Redaktion liegt bei Dr. Rainer Bovelet, Aachen.

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Verbraucherumfragen

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Regelmäßig führt Boniversum Verbraucherumfragen rund um aktuelle Trendthemen durch. Erfahren Sie, wer wann welche Waren gerne im Internet bestellt und viele weitere interessante Infos über Verbrauchergewohnheiten und -vorlieben Die Ergebnisse der einzelnen Befragungen bieten wir Ihnen gratis zum Herunterladen an.

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