Die angegriffene Mitte

Überschuldung und Insolvenz in der Mittelschicht

Das Sonderthema im SchuldnerAtlas 2017 befasst sich mit den individuellen Folgen von Überschuldung auf Familien aus der Mittelschicht in Deutschland. Die drei Autoren Dr. Marion Müller (Süddeutsches Institut für empirische Sozialforschung, München), Prof. Dr. Patricia Pfeil (Hochschule Kempten) und Dr. Udo Dengel (Hochschule Fulda) haben über einen Zeitraum von drei Jahren in einer qualitativen Panelstudie 20 überschuldete Familien in ganz Deutschland begleitet.

Überschuldung greift die Identität als Mittelschichtsangehörige an. Und bleibt dabei oft ein „unsichtbares Phänomen“, da die Betroffenen trotz materieller Einschränkungen Strategien entwickeln, um ihre gesellschaftliche Position und ihre Identität zu erhalten – leider zum Teil nicht immer mit Erfolg.

SchuldnerAtlas 2017: Titelbild

Den vollständigen Gastbeitrag finden Sie im SchuldnerAtlas 2017.

SchuldnerAtlas 2017 (PDF, 2 MB)

Insolvenz als Endpunkt der persönlichen Entscheidungsfreiheit oder als Ausgangspunkt für einen Neuanfang

Die Interviews der Grundlagenstudie haben gezeigt, dass die Befragten unterschiedliche Strategien wählen, um einen sozialen Abstieg zu vermeiden und sich ihre Mittelschichtzugehörigkeit zu erhalten. Diese helfen ihnen, ihr Leben zu bewältigen und für sich Wege zu finden, Normalität herzustellen. Die Strategien und Formen mit der Überschuldungssituation umzugehen, sind nicht ausschließlich und können prozesshaft gesehen werden. So ist es durchaus möglich, zunächst sich wie „gefangen“ zu fühlen und nichts zu unternehmen, um dann die Situation neu zu bewerten und neue Wege zu gehen.

Überschuldung führt durchgängig zu „Identitätserschütterungen“

Allen Befragten ist gemeinsam, dass sie grundlegende Identitätserschütterungen erleben, in keinem Fall geht der Überschuldungsprozess (mit anschließendem Privatinsolvenzverfahren) unverändert und ohne Auswirkungen an den betroffenen Menschen und Paaren vorbei. Unterschiedlich ist das Erleben der Privatinsolvenz: Sehen die Betroffenen in der Insolvenz eine Markierung des Scheiterns und einer langjährigen Konsumkarenzzeit, wird sie als bedrohlich und als Endpunkt der persönlichen Entscheidungsfreiheit empfunden. Die erlebte Aussichtslosigkeit ist besonders groß bei denjenigen Befragten, die es nicht schaffen bzw. sich zunächst schwer damit tun, ihre Situation neu zu deuten. Wird sie als positives Signal wahrgenommen, erleben die Betroffenen die Insolvenz als Ausgangspunkt eines Neuanfangs und als Ergebnis eines Prozesses.

Zwang zu neuen Identitätsstrategien und pragmatischen Handlungsweisen

Die Überschuldung, oft markiert durch die Privatinsolvenz, stellt eine Zäsur dar, die ein gewohntes Verhalten, den sorglosen wie den unbedachten Umgang mit Finanzprodukten beendet. Sie markiert ein Scheitern, sorgt für Identitätserschütterungen und zwingt die Betroffenen, neue Identitätsstrategien und pragmatisch-praktische Handlungsweisen innerhalb einer mittelschichtsgeprägten Alltagswelt zu entwickeln.

Überschuldung als Krisenerfahrung mit anschließender Neuorientierung

Die unterschiedlichen Strategien, Identitätsarbeit zu leisten, zielen alle darauf hin, die Identität als Angehörige der Mittelschicht nicht nur kommunikativ zu äußern, sondern auch interaktiv zu symbolisieren, nicht zuletzt über ein spezifisches Konsumverhalten. Dieses kennzeichnet nicht nur die Zugehörigkeit zu bestimmten Mittelschichtsmilieus, sondern bedeutet die innere wie äußere Identifikation mit diesen Milieus und deren Wertvorstellungen. Identität in der Krise heißt für die Betroffenen, verschiedene Strategien zu entwickeln, die es ermöglichen, ihre Identität als Teil der Mittelschicht aufrechtzuerhalten – und dies auf unterschiedliche Weise. Ob die Bemühungen von Dauer und Nachhaltigkeit sein werden, kann nur durch eine Folgeanalyse in einigen Jahren verifiziert oder falsifiziert werden.

Beispielhafte Zitate

„Meine Kinder werden ja auch älter und die Wünsche werden ja auch immer größer. Weil die sind ja auch nur einmal jung und man will ja auch, dass sie von ihren Leuten akzeptiert werden.“

„Ich habe eben gearbeitet, ja und nebenher auch noch gearbeitet. Nur das: Tagsüber den ganzen Tag arbeiten, abends noch arbeiten gehen.“

„Ich möchte nicht, dass es heißt, der arbeitet nicht, der legt nur die Füße hoch. Die sollen sehen, wir tun was oder  ich tu auch was.“

„… da bin ich einfach desillusioniert, auch was meinen möglichen Platz in dieser Gesellschaft betrifft …“

„Ich muss raus hier und kann nicht …“

„Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wenn ich ehrlich bin, ich habe meinen Blick auf die Gesellschaft ganz massiv geändert, ich habe eine ganz andere Einstellung bekommen, was Luxus, was Leben, was Freunde betrifft und was ich vorher nicht hatte.“

„Im Hinterkopf habe ich ein kleines Männchen sitzen, das immer sagt: Pass auf!“

Überschuldung führt zu einer Erschütterung der Mittelschichtsidentität.

Pfeil

Überschuldung und die oft daraus folgende Privatinsolvenz hinterlassen bei den Befragten nachhaltige „Einschläge in ihrem Selbstbild“. Überschuldung zeigt sich als „massiver Einschnitt in das normale Leben“.

Überschuldetet Mittelschichtsangehörige unternehmen große Anstrengungen, um das bisher gelebte Leben aufrecht zu erhalten.

Pfeil

Die Interviews machen die große Vehemenz sichtbar, mit der die Befragten ihren Status, ihr bisheriges Leben und ihre Vorstellungen von einer „richtigen“ Lebensweise aufrechterhalten wollen.

Die Krise „Überschuldung“ wird von Mittelschichtsangehörigen (oft) als Chance wahrgenommen.

Pfeil

Die Krisenerfahrung zeigt auch positive Seiten. Die Befragten ordnen ihr Leben neu und tun viel dafür, nicht in alte Muster zu verfallen. Aber: Typische Handlungsmuster und die Gestaltung des täglichen Lebens bleiben aufgrund gemeinsamer Werte, Normen und Einstellungen erhalten.

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